Nach Süden nach Süden

Nach Süden, nach Süden …

Die ersten Meilen gen Westen, um aus dem Küsteneinschnitt von Fenit/Trallee herauszukommen, wurden erwartungsgemäß ungemütlich. Wind und somit Welle standen gegen ablaufendes Wasser, wie absehbar. Nur der Wind hatte 5 Knoten mehr auf dem Zeiger, dementsprechend stand die Welle höher. Gottseidank waren die Bonuskapriolen zwischen den kleinen Inseln und dem Festland nur von kurzer Dauer. Wir hätten sie ja auch umfahren können.

.

.

Das kam uns bekannt vor. Auch, dass das Magenhebewerk darauf anschlägt, kam uns bekannt vor. Es gab zwar keinen Ausfall, aber die ersten 5-6 Stunden, bis wir auf Südkurs gehen können, verbrachten wir recht einsilbig. Diesmal war ich noch stiller als die Skipperin und öffnete die Lippen nur für die nötigste Kommunikation. Ja, die irische Westküste ist auch kein „Ponyschlecken“, (Zitat Atze/Matti). Und wieder einmal fiel auf, dass hier niemand weit und breit mit einem Segelboot unterwegs war. Wir sollten in den kommenden 4 Tagen bis zur Hauptroute in Richtung Ärmelkanal nur 4 Schiffe zu sehen bekommen, aber keine Segler. Aber immerhin hatten wir mit 5-6 bft aus Nord dann guten Segelwind, der uns flott voranbrachte. In den ersten beiden Nächten wollte sich kein Wachrhythmus einstellen. Die Schlafreserven aus den faulen Tagen in Fenit hielten vor, wir wurden einfach nicht müde genug, um das Knarren der Saloneinbauten, das Knarzen der Schoten in den Blöcken und das Dongeln in den Wassertanks überhören zu können. Wieder waren die Tage ausgefüllt mit Stieren und Starren, lesen und dösen, abwarten und Tee trinken. Der Atlantik präsentierte seine Dunkelblautöne in den schönsten Facetten, die sich aus jeder Perspektive und mit dem sich ständig ändernden Stand der Sonne änderten. Die ersten Nächte waren einfach nur schwarz und einsam. Kein Boot, kein Schiff, aber Delfine. Anke hatte des nächtens delfinisch geübt und fiepte ausdauernd über die Reling um unsere fidelen Freunde anzulocken. Gleichwohl warum, sie begleiteten und begeisterten sie uns täglich. Man bekommt wirklich den Eindruck, dass die vergnügten Tiere einen Riesenspaß am Leben haben und es für sie pure Freude ist, durchs Wasser zu flitzen, herumzuspringen, vorzugsweise vor dem Bug zu kreuzen, sich auf die Seite zu legen oder gar stolz den weißen Bauch zu zeigen. Nachts waren ihre rasanten Bewegungen im starken Lichtstrahl des Handscheinwerfers auch deutlich unter Wasser zu beobachten, viel besser als am Tage.

Eines Morgens weckt mich die Skipperin mit den Worten: „Ein Blas kommt auf uns zu.“ Vermutlich habe ich verständnislos und recht verwirrt aus den Kissen geblickt. Gemeint waren meterhohe Blassäulen zweier Wale, die unseren Kurs kreuzten, sich jedoch leider nicht weiter für uns interessierten, nur ihre gewaltigen Rücken zeigten und dann ihrer Wege zogen, ohne uns ein artistisches Schauspiel zu bieten.

Am dritten Tag ließ der Wind rapide nach und schlief dann leider gänzlich ein. So erstaunlich genau die Wettervorhersage bisher war, überraschte uns das nicht. Genauso wars angekündigt. Erstmalig auf unserer fast 5-monatigen Tour hielt sich das Wetter über einen längeren Zeitabschnitt an die Prognose, letztlich bis zur Ankunft in A Coruna. D.h., wir motorten bei ruhiger See über den für sein unberechenbares Wetter und starken Winde berüchtigten Golf von Biskaya. Insofern war die Gelegenheit zur Ergründung der Salzwasserquelle im Motorraum günstig, und das Leck dann schnell gefunden und beseitigt: die große Schelle am Wassersammler der Auspuffanlage war rückseitig nicht ganz fest und so tröpfelte es bei Maschinenfahrt permanent.

Bis auf eine lange westliche Dünung glättete sich die See soweit, dass sich nachts die Sterne und selbst die Milchstraße auf ihrer Oberfläche spiegeln konnten und wir auf einem endlosen Glitzermeer zu schweben schienen. Wenn wir nicht gebannt auf das Gefunkel auf dem Wasser stierten, lagen wir auf dem Rücken in der Plicht und starrten auf das Gefunkel der ewigen Unendlichkeit des Universums über uns. Der Blick durchs Fernglas vervielfacht das „Sternenmeer“, macht das Unvorstellbare noch fast erdrückend. Dieser Anblick saugt einen immer wieder ein, unsere Gedanken treiben dahin und ins Nirgendwo um uns, und wir sinnieren über „das da oben“, das unsere Vorstellungskraft vollkommen übersteigt, von dem wir nicht einmal einen Ansatz des Begreifens finden. Es drängt sich der Schluss auf, dass kein einzelner Gott so einem Projekt wie dem Weltall gewachsen sein konnte und kann. Und auch wenn Gott, welcher auch immer, groß ist und es tatsächlich auf seine Kappe geht, kann er sich kaum mit uns Staubkörnchen und dem leicht angegammelten Krümelchen Erde beschäftigen wollen und können. (Das mikroskopische Projektchen Erde allein ist schon nicht zu bewältigen …)

Die letzte Nacht wird für die Wache besonders kurzweilig, denn wir schneiden in flachem Winkel die Route der Frachter, die aus Süden um die spanische Nordwestecke Richtung Ärmelkanal und umgekehrt fahren, und so sieht es auf dem Plotter zeitweilig so aus, als kämen die großen Pötte im Rudel auf uns zu. Nach Mitternacht kommen erste Lichter des spanischen Festlandes in Sicht, die anfänglich nicht von der rasch zunehmenden Lichterdichte der spanischen Fischerboote zu unterscheiden sind, da die wenigsten sich über AIS-Signale zu erkennen geben. Aber die Nacht ist unbewölkt und hell, sodass sich die Ausweichmanöver in Grenzen halten. Da wir ungern im Dunklen in den unbekannten Hafen einlaufen wollen, drosseln wir die Motordrehzahl und tuckern mit 4 kn dahin, um erst nach Sonnenaufgang einzulaufen. Die Funkerei an Bord hat Anke übernommen, ich eventuell notwendige Telefonate. Also flötet sie dem Hafenmeister der „Real Club Nautico Coruna“ routiniert unsere bevorstehende Ankunft ins Ohr. Gemäß alter Hafenmeisterschule erwartet er uns am Gästeanleger, begrüßt uns freundlich, weist uns ein und nimmt die Leinen ab.

.

.

Abgesehen von den ersten Stunden hatten wir eine sehr entspannte Überfahrt, die entspannteste bisher. Täglich, sogar nächtlich stiegen die Temperaturen, und in gleichem Maße legten wir täglich erfreut eine Kleidungschicht ab und erreichen den Hafen nur in Shirt und einer Hose. Wir haben es zu hoffen gewagt, und nun bricht für uns der Sommer an. Der königliche Yachthafen liegt wunderschön mitten in der Stadt, und viele umliegende Straßencafès in Steinwurdweite laden uns zum Müßiggang ein, unter Palmen flanierende, gebräunte Menschen in leichter, sommerlicher Kleidung verlocken uns, sich zu ihnen zu gesellen.

Die beiden letzten Nächten waren so ruhig, dass wir sogar in unserer geliebten Bugkabine längeren und erholsamen Schlaf finden konnten, und so relativ ausgeruht nach den 5 Seetagen bald an Land gehen und zum ersten Stadtrundgang aufbrechen konnten.

Viva Espana.

.

Galerie Überfahrt Biskaya:

Tags: Keine tags

3 Responses

Leave A Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *