Vier schöne Wochen Familien- und Freundeszeit in Deutschland liegen hinter uns. Wir lieben den August in Deutschland. Meist ist das Wetter mittelmeerig, die Freisitze der Kneipen sind einladend und es ist vergleichsweise entspannt, da der normale Germane üblicherweise urlaubsbedingt im Ausland unterwegs ist.
Am letzten Augusttag landen wir also wieder in Preveza. Es sind noch ein paar Pflegearbeiten am Boot zu erledigen, bevor es wieder zurück ins angestammte Element überstell wird.
Ankes Mutter ist mit von der Partie. Sie möchte sich davon überzeugen, dass ihre Tochter nicht nur im geschützten Hafen, sondern auch unter Segeln, auf Wellen und im Wind sicher unterwegs ist und sie sich keine Sorgen um ihr Kind machen muss.
Mit aufgefrischtem Unterwasseranstrich brechen wir nach Norden auf, da wir in einer Woche Korfu Stadt – Schwiegermutters Abflughafen – erreicht haben müssen.
.







.
Next stopp: unsere geliebte two rock bay. Es ist deutlich leerer als im Juni, und wir genießen die zwei Tage am Anker in vollen Zügen. Der Blick von der Kiosk-Bar über die Bucht ist schlicht einzigartig und wieder wollen wir unseren Aussichtspunkt nicht verlassen. (Unklar bleibt die Namensgebung, denn mindestens fünf große Felsen ragen aus dem Wasser.)
Mittlerweile können wir mit Ortskenntnissen prahlen und unsere Lieblingsplätze bewerben. Demnach stehen Antipaxos und Mongonisi auf der Liste.
.





.
Und weil wir grad beim Angeben sind: Um Ankes Mutter etwas besonders Schönes zu bieten beschließen wir, nach Lakka – am Nordzipfel von Paxos – die Inselwestseite zu befahren. Diese Seite ist bekanntermaßen viel exponierter und bietet keinen Schutz vor Wind und Wellen, ist aber wesentlicher eindrucksvoller und wilder, und aus guten Gründen auch weniger frequentiert.
Aber: Übermut tut selten gut. Wir werden mit herrlichstem Sonnenschein, jedoch zu wenig Wind zum Segeln und bösen alten Wellen der Vortage bedacht. Natürlich aus Nordwest. Ankes Mutter geht davon aus, dass das völlig normal ist, dass so unser seglerischer Alltag aussieht, dass wir alten Hasen das erwartet und alles im Griff haben, und freut sich über das schaukelige Abenteuer. Keine Spur von Skepsis. Madrugada taucht regelmäßig die Nase ins Wasser, das nach dem Aufbäumen von vorn nach hinten lang übers Deck schießt. Und dann kommt sie, die eine Welle, doppelt so groß und hoch wir die übrigen. Knallt auf den Bug und schießt schäumend im Bogen übers gesamte Boot. Wie gut wie vorbereitet sind sieht man: an einer offenen Salonluke, der offenen Luke der Heckkabine und dem offenen Niedergangsschott unter der unverschlossenen Sprayhood. Um es kurz zu machen: Innen sieht es aus wie in einer Tropfsteinhöhle. Die meisten unseren Kissen sind durchtränkt und die Matratzen nebst Bettzeug im Schlafzimmer triefen vor Salzwasser. Gottseidank strahlt über uns die Sonne und es ist warm, während wir das Schiff in einen fliegenden Wäschereigroßtrockenplatz verwandeln. In den nächsten Tagen improvisieren wir mit der Schlafplatzwahl. Aber selbst schuld! Wir tragen es mit Humor und tun am Ankerplatz der wunderschönen Lakka-Bucht so, als wäre das alles so gewollt. Wir waschen doch immer unterwegs unsere annähernd dreißig Kissen und Laken und schmücken uns damit am Ankerplatz, und die Matratzen liegen bei uns immer an Deck im Weg herum…
Im Vergleich zum Juni ist es gähnend leer in diesem Paradies für Bootfahrer. Es liegt auf der Hand, dass jeder, der in der Nähe herumsegelt, hier mal seinen Anker fallen lassen muss.
Nach einem Zwischenstopp in Lefkimi parken wir das Schiff wieder im historischen Venezianischen Häfchen unterhalb der Alten Festung ein. Ankes Mutter tritt mit der beruhigenden Gewissheit die Heimreise an, dass wir mit Madrugada ein starkes und sicheres Schiff gefunden haben. Na klar: das schwächste Glied ist und bleibt der menschliche Faktor.
–






















.
Vorsorglich buchen wir einen Platz zwei Wochen im Voraus, wenn Ankes Neffe Arne und Linda hier einfliegen. Aber zwischenzeitlich bleibt Zeit für die Festlandsseite gegenüber. Vor allem Parga wollen wir nochmals aufsuchen. Vor drei Monaten hatten wir den Ankerplatz dort nach einer Stunde wieder verlassen. Uns erschien es überfüllt und wir befürchteten zu viel Stadttrubel. Manchmal ist es eigentümlich mit der Wahrnehmung. Diesmal ist alles anders. Natürlich ist es leerer. Aber der Ort ist einladend, die Umgebung sehr hübsch, und obendrein ist die Bucht auch noch gut geschützt. Sieh an, man kann es hier locker vier Tage aushalten. Es gibt nette Restaurants, eines normales Stadtleben, noch immer besuchte Strände, eine ausgedehnte ruinöse Festungsanlage, von der man großartige Aussichten in alle Richtungen hat, ein bergiges grünes Hinterland, und natürlich ein wenig Touristenbespaßung mit den einschlägigen Wasserspielzeugen. Jetskis sind glücklicherweise die Ausnahme. Um uns herum kurvt mehrfach am Tag ein Motorboot und zieht mit einem Gleitschirm Wagemutige in den Himmel, denen das offenbar großes Vergnügen bereitet. Ich bin schlagartig begeistert und kann Anke zu einem solchen Gaudi überreden. Leute, das fetzt total. Da eine Viertelstunde Flugzeit viel zu kurz ist, ruft das nach Wiederholung. Nächstes Jahr.
Sorry Parga, wir haben dir Unrecht getan.
.














.
Weiter geht’s nordwärts Richtung Syvota. Die einschlägige Literatur und die Kollegen empfehlen den Ort als must see.
Um den Ort selbst liegt eine dicht gedrängte, üppig bewachsene und hügelige Insellandschaft, wunderschön. Es mutet skandinavisch an. Mögliche Ankerplätze sind überwiegend steinig und fallen rasch steil ab, weshalb selbst in der Nachsaison passende Plätze knapp sind. Wir entscheiden uns für ein Landleinenmanöver in einem schmalen Kanal zwischen zwei Inseln, Ein Plätzchen allein für uns. Für kleine Crews sind diese Aktionen immer etwas aufregend und herausfordernd, besonders wenn es so eng zugeht. Nach dem erfolgreichen Einbringen des Bugankers paddelt Anke mit den gelben Schwimmleinen und einer robusten Gurtschlinge zum Umlegen um einen geeigneten Felsen oder ähnliches an Land, während ich mich bemühe das Boot in Position zu halten. Ist die erste Leine fixiert, gehe ich rückwärts in Ankes Richtung, um diese zu übernehmen. Mit der zweiten Leine ist dann einfach. So dauert alles zwar ein Weilchen, aber nach einer halben Stunde sind die Leinen bestmöglich ausgebracht und straff. Wir liegen stabil und sind zufrieden und genießen guten Gewissens den anschließenden Ankerschluck.
Mit dem Dinghi unternehmen wir nächsten Tags noch eine ausgedehnte Ausfahrt durch die verwunschene Inselwelt, bevor wir ein paar Meilen weiter in die große Lagune von Igoumenitsa segeln. Die Laguna ist ein riesiger Teich und – bis auf die Fahrrinnen für Fähren und Frachter – durchgehend drei bis vier Meter flach, mit tonigem Grund, der den Anker förmlich einsaugt, ungern wieder rausrückt, und wenn, mit riesigen Batzen grauen Schlamms verklebt ist.
Die Stadt selbst ist angeblich nicht besonders sehenswert und so genießen wir ein paar Tage die Ruhe in dem Riesentümpel, den wir uns nur noch mit einem weiteren Boot teilen müssen.
.














.
Aber schon ruft uns wieder Korfu, denn Gäste kommen. Wir reißen den brutalen Törn in unglaublichen drei Stunden runter und schon werfen wir Hafenmeister Andreas wieder mal die Leinen zu.
Wie immer, wenn Besucher da sind, trübt sich das Wetter ein. Es ist verrückt. Aber es sind nur Schauer, Luft und Wasser sind auch Ende September warm und laden ein zum Segeln und Sonnen und Badespaß.
.


.
Wieder mimen wir den Inselführer und wollen den beiden als erstes die Inselei von Syvota zeigen. Angekündigter Starkwind jedoch verhindert die Landleinen-Wiederholung und zwingt uns, einen geschützten Platz zu suchen. Auf die Marina direkt im Ort haben wir keine Lust und ergattern einen unkonventionellen Platz an einem kurzen Steg in einer sehr kleinen Bucht vor dem Karvouno Beach. Es stellt sich heraus, dass die Stegplätze selbst überbucht sind. Aber kein Problem, denn. die cleveren Griechen haben ein Spinnennetz von Bojen (nicht zum Festmachen, nur um die Leinen vom Grund zu holen) in der kleinen Bucht ausgebracht und so können sie noch einige Boote – jeweils an Bug und Heck mit Mooringleinen in Position gehalten, aber doch frei schwingend – in Stegnähe parken. Zur Überbrückung der paar Meter zum Steg muss man allerdings sein Beiboot klar machen. Das kann alles ganz lustig und unterhaltsam sein, nur nicht, wenn es dann so weht wie an den kommenden zwei Tagen. Die Bootsbewegungen an den Leinen und zueinander sorgen zunehmend für Verunsicherung. Trüffelnase Anke sieht schon zeitig die Problemwolken am Horizont aufziehen. Unser deutscher Schlaumeier von Nachbar, der seine beiden Heckleinen noch am Pontonkopf befestigen konnte, bringt es fertig, beide Grundleinen am Bug zu zerreißen bei dem Versuch, diese möglichst stark zu straffen und zu diesem Zweck gefühllos und wie ein Berserker rückwärts geht. Da kommt Freude auf bei den beiden betagten Herrschern über die Spinnennetze, die den Steg und die Mooringleinen organisieren und verwalten. Ein weiterer Kollege wickelt sich beim Versuch abzulegen eine Leine in den Propeller und treibt manövrierunfähig umher. Keine Ahnung, wo die beiden Hafenopis ihre Tiefenentspanntheit hernehmen, jedenfalls lässt der ältere der Beiden die Hose runter und taucht eine gefühlte Ewigkeit unter den Havaristen um die Leine aus dem Propeller zu schneiden.
Des Kinos nicht genug. Nachts um drei drücken 30 Knoten Wind auf unser armes Schifflein ein, weshalb eine unserer Heckmooringleinen bricht und wir nun gefährlich nah zu unserem äußeren Nachbarn treiben. Sollte die zweite der doppelten Last nicht standhalten würde es Schaden geben. Eingesponnen wie wir sind zwischen Booten, Bojen und Leinen der Nachbarn, ist zu fliehen leider keine Option. In unserer Not rufen wir den Hafenmeister um Hilfe an, der tatsächlich ans Telefon geht. Nachts um drei! Ja, kein Problem, er wäre in fünf Minuten da. Und eine dreiviertel Stunde später kommt das Dreamteam gut gelaunt mit dem Dinghi angetuckert, ohne Stirnlampen oder irgendetwas, was leuchtet, und holt auf wundersame Weise vom Meeresgrund neue Leinen und verzurrt uns in drei Richtungen. Gegen fünf geht endlich unser Puls wieder runter. Garantiert schlafen die griechischen Helden schon wieder tief und fest.
Vervollständigt wird dieses maritime Kuriosum dadurch, dass der abenteuerliche Liegeplatz gewissermaßen durch die Einnahme des Abendessens in der zugehörigen Strandtaverne bezahlt wird. Ein unvergesslicher Aufenthalt, und sicher nicht der letzte.
.








.
Aber einen haben wir noch. Lakka muss nochmal sein. Auch hier gilt: je später in der Saison um so schöner ist es. Auch die Gäste sind begeistert und wir alle würden gern noch bleiben. Aber die Pflicht ruft. Glücklicherweise hält der letzte Tag der Urlaubswoche von Linda und Arne einen wunderbaren Nonstopsegelschlag bis an die Mandraki-Mole von Korfu bereit.
Wir stimmen uns langsam auf die Rückfahrt nach Sizilien ein.
Aber das ungemütliche Wetter nimmt zu und zwingt uns zu weiteren Hafentagen in Korfu. Die niedrige Außenmole, die aufgrund denkmalschützerischer Bestimmungen nicht verändert werden darf, bietet keinen Schutz. Gegen Wind sowieso nicht, und schon die Wellen der Fähren krachen über die Mole, und wenn es dazu windet, wird es richtig nass und salzt alles ein. Das muss man mögen. Der Gang über die Mole an Land ist nur in Badekleidung oder mit Wechselklamotten im wasserdichten Rucksack möglich. Unsere Variante: zwei Tage Stubenarrest.
Doch dann müssen wir aufbrechen. Es ist 9. Oktober. Palermo ruft. Vor uns liegen knapp 400 Seemeilen. Overnighttörns wollen wir vermeiden, da unser Autopilot noch immer den Dienst verweigert. Ununterbrochen von Hand zu steuern mag tagsüber gehen, nachts ist es elend, vor allem bei Motorfahrt.
Im kleinen Erikoussa, wo vor 135 Tagen unsere wunderbare Griechenland-Zeit begonnen hat, wollen wir Abschied nehmen, mit dem festen Vorhaben zurückzukehren.
Next stopp: Italy.
.
Galerie KORFU




















.
















.
Galerie PARGA



























.


Leave A Comment