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Von wegen Landratte

Ich erspare mir den Versuch zu erklären, warum es keine „Winterberichte“ von den Zeiten in Palermo gibt. Egal was ich anführen würde, es wäre in jedem Fall unglaubwürdig. Deshalb: wir hatten einfach keine Zeit dafür, okay?

Es ist schon wieder Anfang Mai. Zeit zum Aufbruch in die zweite Griechenland-Saison. Da wir wieder einen funktionierenden Autopiloten haben, können wir es guten Gewissens angehen, die 400 Meilen in möglichst kurzer Zeit abzuspulen. Wir hangeln uns in zwei Tagesetappen bis Tindari und starten von dort den gut zweitägigen Nonstop-Ritt nach Zakynthos, der südlichsten der Ionischen Inseln, die wir in der letzten Saison aus „Zeitmangel“ auslassen mussten.

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Die Prognosen waren für unser Vorhaben wesentlich passender, aber da alles immer anders kommt ist die Windausbeute für ein stolzes Segelschiff unbefriedigend. So führen uns die angekündigten himmlischen Winde letztlich auch nicht nach Zakynthos, sondern nach Kefalonia, die nördliche Inselschwester, wo wir in der fjordartigen Argostoli-Bucht einen entspannten und bestens geschützten Ankerplatz beziehen. Warum sind wir allein an diesem wunderbaren Ort? Es schleicht sich immer eine kleine Verunsicherung ins Unterbewusstsein, ob wir uns womöglich doch in unserer Entscheidung hinsichtlich der Eignung des gewählten Übernachtungsplatzes – im Gegensatz zu allen anderen Segel-Schlaubergern – geirrt haben könnten.

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Nach zwei wundervollen und erholsamen Tagen vertreibt uns ein flott zunehmender Südwind und wir verlegen in die Bucht vor dem namengebenden Hafenstädtchen Argostoli und „wettern ab“. Landgang lockt uns nicht, wir genießen das Geschaukel an der Kette. Zur Unterhaltung schaut eine Schildkröte (Caretta Caretta!) von beeindruckendem Format bei uns vorbei.

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Und dort passiert es:

Ich weiß nicht, ob es zum Schlimmsten gehört, was einem passieren kann. Sicher sind Mastbruch, ein Brand oder Strandung schlimmer. Aber gleich danach kommt:

Die RATTE! An Bord!

Bei sehr unruhigen Bedingungen (bei 25 Knoten wird es auch in geschützten Buchten „holperig“) irrlichtert eine abenteuerlustige Ratte durch die nachtschwarze Hafenbucht und entert über die Ankerkette unser Bötchen. Vermutlich sorgte der starke Wind für eine recht straffe Ankerkette und machte den Zutritt sehr einfach. Erst am Morgen bemerken wir die wahllos angefressenen  Frühstücks-Smoothie-Birnen. Die Feinschmeckerin machte sich nur über das weiche, reife Innere der Früchte her und spuckte die festen Schalen säuberlich daneben. Dann finden wir an gleichermaßen angenagten Kartoffeln die typischen Nagespuren.

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ALARM! Unser Entsetzen ist schwer zu beschreiben. Das ist ein worst case!

Schlagartig poppen die Berichte unserer Freunde Flavio und Amaia auf, denen in den Maddalenas im Norden Sardiniens gleiches widerfahren ist, und aufgrund dessen wir schon seit ein paar Jahren eine Grundausstattung zur Rattenbekämpfung spazieren fahren (zwei Fallen, eine Tube Klebefallen-Klebstoff und zwei ausgediente Schneidbretter als Klebeplatten). Tagsüber ist alles ruhig. Scheint eher ein Nachttier zu sein. Am Abend bringen wir unsere Waffen in Stellung. Wir verziehen uns zeitig, sitzen in unseren Kojen und horchen durch die geschlossene Kabinentür ins Dunkel. Bei unserem rattigen Mistviech hat sich offenbar pünktlich Appetit eingestellt, denn schon bald hören wir eine der Fallen zuklappen (es stellt sich heraus, es ist schon die Zweite, und aus beiden hat sie ungestraft die Guanciale-Stückchen entwendet. Guanciale! Das ist Gold!) Also, ich federe aus der Koje, ignoriere Ankes Rat, mir doch wenigstens eine Hose anzuziehen (vielleicht wollte ich unbewusst eine Schockwirkung erzeugen?), stehe noch in der Kabinentür und erblicke im grellen Lichtkegel meiner Taschenlampe: die Bestie. Einen knappen Meter von mir entfernt. Sie sitzt zwischen ungespülten Tassen und Gläsern im Spülbecken, ist tatsächlich geblendet (ich nehme an vom Licht) und zittert (sie ist eigentlich ganz niedlich, mit ihrem glatten graubraunen Fell), während ich durchgehe welche Kampfoptionen ich habe. Ich bitte Anke, die aufgeregt hinter mir steht, mir das riesige Badetuch des „Yachtclubs New York“ zu bringen, das ich in naivem Siegesglauben über die Übeltäterin zu werfen beabsichtige. Da ich dazu meine zweite Hand brauche, muss ich den Flakscheinwerfer von der Hand in den Mund verlegen. Und das schlaue Viech nutzt diese Sekunde des Nicht-geblendet-seins, springt aus dem Becken und saust den Küchengang entlang. Vergeblich hechte ich, das schicke Badetuch werfend, hinter ihr her. Ich bin sicher, ich höre sie noch kichern. Dann ist sie in Lichtgeschwindigkeit unter der unteren Stufe zum Salon verschwunden.

Siehe da, dort ist die Öffnung in die Unterwelt des Bootes, in die unergründliche Bilge, in das Gewirr von hunderten Metern leckeren Kabeln und Schläuchen. Diese Verbindung haben wir bisher vergeblich gesucht. Das Badetuch landete direkt in einer Klebeplatte, die dann auch noch ein paar Runden im Gang vor dem Herd macht und alles vollkleisterte, was in der Nähe war. Das Tuch ist natürlich hin, aber es war ohnehin eine „Fundsache“, und so schön und kultig es war, so schlecht hat es getrocknet, dafür gefusselt wie verrückt, was insgesamt den Verlust verschmerzbar macht.

Das Chaos der Kleberspuren an Wänden und Böden der Kombüse – und an den Füssen natürlich erst recht – lässt sich nur mit Waschbenzin oder Bremsenreiniger und viel Geduld beseitigen. Also mein Job. Madrugada riecht wie eine lecke Tankstelle und von Nachtruhe ist nicht mehr viel übrig.

Außer ersten Putz- und Desinfektionsarbeiten haben wir im Laufe des Tages eifrig Recherche betrieben, über die unterschiedlichen Arten, ihre Gewohnheiten, Lieblingsspeisen, Aufenthaltsorte. Also, sie schwimmen sehr gut, und sehr gern. Sie tauchen auch gut und können bis zu drei Minuten die Luft anhalten. Sie sind exzellente Kletterer. Sie fressen am liebsten, Speck (Guanciale!) und Nutella, auch Kartoffelchips und Käsebröckchen, knusprige Kekse. Eigentlich haben wir und sie übereinstimmende Favoriten auf der Speisekarte. Obst brauchen sie selbstverständlich auch für eine ausgewogene Ernährung. Klaro, wir können mit allem dienen, außer mit Nutella (naheliegenderweise, wegen Ankes Nussallergie!). Aber das wird umgehend besorgt, und es wird ihr an Nichts fehlen.

Das Hauptproblem jedoch ist: sie müssen eigentlich ständig nagen, da ihre Zähne sehr schnell wachsen. Bevorzugt an Gummi und Kunststoffen. Also an leckeren Kabeln und Schläuchen. Um Madrugada vor dem Untergang zu bewahren ist unsere einzige Chance  sie zu überfüttern, damit sie faul irgendwo in der Unterwelt schlummert und den Nageimpuls verschläft, bis Hunger oder Appetit sie wieder zu den Sahnetöpfen hinaustreibt. Und genau dann kriegen wir sie. Aber dazu müssen wir aufrüsten.

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Am Morgen, nach durchwachter Nacht, verlassen wir Kefalonia und segeln stracks die 25 Meilen nach Zakynthos-Stadt. Wir legen uns längsseits an die kommunale Pier und eilen voller Hoffnung in das Rattenfallenfachgeschäft, wo wir alles aufkaufen, was der tatsächlich gut sortierte Landhandel in den Regalen hat: die letzten zwei Lebendfallen, die letzten großen Klappfallen und acht Klebefallen. Der Inhalt unseres Korbes erweckt durchaus Neugier, bei Kunden wie Personal gleichermaßen. Sie erwarten Berichte über eine Rattenplage von biblischem Ausmaß und schütteln nach unserer Erzählung etwas enttäuscht den Kopf. Eine Ratte nur. Okay, auf einem Boot ist das nicht so schön.

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Der Mann vor mir an der Kasse fragt, wo wir die denn her hätten. Nachdem er erfährt, dass es eine kefalonische Ratte ist, nickt er wissend und meint, zakynthische Ratten würden das niemals tun. Die hätten Anstand und Respekt vor ausländischen Gästen.

Es ist nicht nur ein sehr erfolgreicher, sondern auch sehr unterhaltsamer Einkauf, obwohl für uns immer ein wenig Galgenhumor mitschwingt. Der Erwerb eines Glases Nutella stellt naturgemäß keine Herausforderung dar. In der Gewissheit, dass das Mistbeen gewiss nicht das komplette Glas vertilgen wird, erlaube ich mir einen kleinen vorfreudigen Appetit. Ein Hochsee-Kescher mit Teleskoparm aus dem Fischer-Fachgeschäft komplettiert unsere Kampfausrüstung.

Am Nachmittag wird das Schiff gründlich vermint. Mit allem, was die Arsenale jetzt hergeben. Ratte! Du bist schon so gut wie tot.

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Mit Einbruch der Dunkelheit ziehen wir uns ins Schlafzimmer zurück. Der Kescher steht griffbereit, und um sicher zu gehen, liegt ein großer schwarzer Gummihammer (seit sechs Jahren weiß ich, dass ich den mal brauche) auf dem Nachttischchen. Wer weiß.

Bereits nach einer halben Stunde hören wir typische Geräusche und dann geht’s los. Diesmal befolge ich Ankes Rat und ziehe mir etwas an. Wie gesagt: wer weiß …

Mit Lampe zwischen den Zähnen sowie Kescher und Hammer bewaffnet öffne ich die Tür. Siehe da, es hat geklappt wie gedacht. Beim Aufstieg aus der Unterwelt ist sie tatsächlich auf eine der vor dem bekannten Zugang stehenden Klebefalle getappt. Erschrocken, nun gewissermaßen halb gelähmt, springt sie gegen die nächststehende Lebendfalle, die laut knallend zuklappt, was ihr offenbar endgültig die Laune verhagelt und sie schießt zweibeinig mit der Klebeplatte am Hintern panisch durch den Salon. Nun kommt der supergroße und wunderschöne Kescher aller Kescher für die großen Fische des Mittelmeeres zum Einsatz. Nach kurzem Fiepen ergibt sie sich ihrem Schicksal. Schockstarr.

Was soll ich sagen?

Kurz die Beichte abgenommen. Und den Gummihammer nicht umsonst mitgeführt. R.I.P. (Rat in peace)

Jedenfalls bekommt sie eine Seebestattung. Wir verlassen den Kriegspfad, brechen in Siegesgeheul aus, lassen noch einen Korken knallen und verrammeln den Niedergang.

Meine gefühlsduselige Skipperin bringt es tatsächlich fertig zu bedauern, dass dieses Untier, (das ja eigentlich ganz niedlich war), überhaupt nichts von all den ausgelegten Leckereien abbekommen hat.

Hm, vom Nutella-Glas fehlt fast nichts …

Jaja, nachher kann man drüber lachen. Und man hat was zu erzählen.

Wir verjuckeln drei Päckchen Desinfekt-Putztücher, einige Rollen Küchenpapier, räumen diverse Schränke und Schapps und Stauräume aufs und ein, inspizieren – soweit möglich – die Bilge, prüfen die Systeme und erholen uns noch drei Tage. Lassen uns Gyros, Lamm und Tzaziki schmecken, bevor wir in die Schildkrötenbucht im Inselsüden aufbrechen. Glücklicherweise funktioniert bisher alles.

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Insel Zakynthos – Hauptstadt Zante

im Südionischen Meer

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