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Sehr geehrte Sardinen und Sarden,

wie bereits erwähnt, sind wir 2 Jahre zu spät.

Die Gründe dafür haben wir hinlänglich in den Blog-Einträgen beschrieben. Aber so hatten Vorfreude und Erwartungen einen besonders langen Fetsch. Sardinien mit Anlauf.

Dass der Einlauf statt am einsamen Ankerplatz an der Pier in Algheros Altstadt endete, musste ich bereits gestehen. Die neuerlichen Reparaturversuche und Rücksprache mit Experten ergaben: möglicherweise ist die Ankerwinde reparabel, aber nicht kurzfristig, sprich innerhalb der nächsten 3 – 4 Wochen. Leider wird das Modell seit 10 Jahren nicht mehr produziert, was die Ersatzteilbeschaffung entsprechend schwierig macht. Und da ich mir bereits seit dem Upgrade von 25 auf einen 35kg-Anker eine stärkere Winde wünschte, die umfangreichen Anpassungsarbeiten aber gescheut habe, war das krampfhafte Zuhalten der Schatulle nicht länger vertretbar und die nötigen Sondermittel haben wir uns mit feuchten Augen bewilligt. Ohne Anker wird nicht gesegelt.

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Ein Anruf von Amaia und Flavio reist uns aus unserer Trauer: Alghero hat einen Flughafen. Wir würden morgen Vormittag um halb Elf ans Boot klopfen und um 4 Tage Quartier ersuchen. Grandiose spontane Idee. Und so geschieht es, tröstet uns ein wenig über das frisch gerissene Loch in der Börse hinweg und gibt dem ungeplanten Aufenthalt hier einen erfreulichen Sinn. Obendrein vertieft jeder gemeinsame Tag diese wunderbare Freundschaft.

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Flavio und Amaia kennen sich hier aus, führen uns durch die Stadt, zum feinen Spezereien Geschäft, in die guten Restaurants und bringen in Erfahrung, dass derzeit ein Weinfest in Algheros Altstadt stattfindet. Im Eintrittspreis sind ein etwas albernes, aber nützliches rotes Brustbeutelchen, in dem ein hübsches Weinglas steckt, sowie 4 Verkostungen an verschiedenen, an exponierten Punkten der Altstadt errichteten Zelten enthalten. Der eigentümliche Zug der Weinliebhaber, die alle ein mehr oder weniger volles Weinglas vor sich her oder im roten Beutelchen tragen, wird von einer zünftigen Brass-Band angeführt und erinnert stark an den Hamelner Rattenfänger. Und letztlich ebnet der leidenschaftliche Organisator Flavio den Weg bei der Guardia Costiera, dass wir als Havarist gelten und über die maximal 5 Tage hinaus kostenfrei an der kommunalen Pier bleiben dürfen.

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Unmittelbar nach ihrem Heimkehr-Aufbruch Sonntag früh klopft es wiederum ans Boot, jedoch behördlicher. Offenbar ist in den Amtsstuben nicht durchgestellt worden, dass wir – eins von zwei Booten – offiziell dort verlängern dürfen. Nach einer viertel Stunde radebrechender Verständigungsversuche werden wir ins Büro der Guardia eingeladen, um uns in den hoch offiziellen, dank entsprechender Amtsstempel beglaubigten Stand eines Havaristen zu versetzen. Nach weiteren drei viertel Stunden im Ufficio des freundlichen Tenente sowie in Begleitung des vollkommen überforderten Google-Übersetzers halten wir amüsiert die declaratione, die uns eine Strafe von angeblich 1000 € erspart, in den Händen.

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Dass die neue Winde den langen Weg hierher aus Deutschland antreten muss, liegt schlicht daran, dass sie – unverhandelt und einschließlich der Speditionskosten – immer noch 15% unter dem äußersten Preis des lokalen Spielwarenhändlers zu haben ist. Dieses Schlitzohr hat uns doch hoch und heilig versichert, dass allein er Zugriff auf die einzige Winde dieses Typs außerhalb von Putins Einflusssphäre hat, außerdem den besten Preis in ganz Europa macht und innerhalb von maximal 10 Tagen liefern könne. Nach meiner Absage war er dann tatsächlich persönlich beleidigt und grüßte künftig bei Betreten seines Ladens nicht mehr.

Zwecks Empfangs des 40 kg-Paketes und für die Zeit der Reparaturarbeiten hatten wir uns für den Umzug in die kleinste von Algheros Marinas entschieden. Vater und Sohn, beide trugen zünftige Schnauzer unter goldgeränderten Pornobrillen, und sorgten für eine herzliche und familiäre Atmosphäre auf ihrem einzigen und bestens gepflegten Steg. Gute Rahmenbedingungen, pünktliche Lieferung und perfektes Werkzeug, sowie ein wenig handwerkliches Geschick sorgten dafür, dass drei Tage später die Dienste des Ankergeschirrs wieder zur Verfügung standen. Ehrlicherweise gestehe ich, dass die Vorbereitungen der elektrischen Anpassung an die neue Relaisbox bereits zusammen mit meinem allerliebsten Bootsbaufreund Flavio, der Elektropläne besser zu lesen versteht als ich, erledigt wurden.

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Theoretisch hätten wir ablegen und uns gen Norden Richtung der Maddalena-Buchten bewegen können, wenn da nicht die große Flugshow der Frecce Tricolori, der Kunstflugstaffel der Italienischen Luftwaffe als Event, das man unter keinen Umständen verpassen dürfe, unseren Hafenaufenthalt noch drei Tage verlängerte. Bis auf die überraschende Begegnung mit den gelb-roten Canadair Löschflugzeugen in der Bucht von Alcudia im letzten Jahr waren Flugzeuge mir ziemlich gleichgültig, solange sie mich sicher von A nach B brachten. Jedenfalls ließen wir uns überreden schon am Freitag zur Generalprobe auf die alte Festungsmauer zu gehen. Holymoly! Was für ein Spektakel! Zur Einstimmung kurvten vier Oldtimer gemütlich ein paar synchrone Kringel in den Himmel. Aber dann ging das Gewitter los: 10 Aermacchi-Strahlflugzeuge kamen niedrig und versteckt über die Dächer der Stadt gedonnert und boten exakt entlang der ufersäumenden alten Stadtmauer ein Höllenspektakel in irren Flug-Kunststückchen. Erst später erfuhren wir mehr über die Truppen. Diese – weltweit angeblich größte Kunstflugstaffel – fliegt feste Figuren, Formationen und Bilder in den Himmel, synchrone Loopings, endlose waagerechte Schrauben, senkrecht hoch bis zum Umfallen und geschlossen in Rückenlage, miteinander, gegeneinander…, mit Jets! Und über dem tiefblauen Mittelmeerwasser, in das die bereits tiefstehende Sonne ein Glitzermeer zaubert, vor frühabendblauem Himmel wirkten die kühnen Flieger tatsächlich überwältigend und nach einer dreiviertel Stunde waren wir vor Aufregung schweißnass, beruhigender weise alle Umstehenden ebenso. Und da es so großartig war, standen wir am nächsten Abend mit 10.000 weiteren Schaulustigen mit offenen Mündern und angehaltenem Atem wiederum auf der Stadtmauer. Zu Krönung des Ganzen mischten sich am späteren Abend die tollkühnen Männer der fliegenden Kisten unter das flanierende und Bars besuchende Stadtvolk, was die Skipperin doch in spürbare Unruhe versetzte. Vor allem der Solist, der die spektakulärsten Manöver absolvierte, und überflüssiger weise der attraktivste der Helden der Lüfte, sorgte für zusätzliche Aufregung unter der anwesenden zwitschernden Damenschaft.

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Jetzt aber nichts wie weg hier. Auf in die ruhigen Buchten.

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Galerie Alghero

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Galerie Neue Ankerwinsch

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Galerie Flugshow

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